Geschlechtsmerkmale und Geschlechtsidentität

Bin ich ein Mann oder eine Frau? Oder beides nicht (ganz)? Die Geschlechtsidentität ist das innere Wissen einer Person, welches Geschlecht sie hat. Diese Selbstwahrnehmung kann sich sowohl von den biologischen Geschlechtsmerkmalen unterscheiden, als auch von der gesellschaftlichen Wahrnehmung. Jeder Mensch sollte das Recht auf Selbstbestimmung bezüglich seiner Geschlechtsmerkmale haben und seine Identität ausleben dürfen, ohne Diskriminierung befürchten zu müssen.

Geschlechtsmerkmale

Als biologische Geschlechtsmerkmale gelten die genetischen Anlagen, die primären und sekundären Geschlechtsorgane sowie die hormonellen Voraussetzungen. Anhand dieser Merkmale wird einem Kind nach der Geburt ein Geschlecht zugewiesen: Junge oder Mädchen.

Die häufigsten geschlechtsbestimmenden Chromosomenpaare sind XX (weiblich) und XY (männlich). Daneben gibt es jedoch weitere chromosomale Variationen (z.B. X0, XXY usw.). Auch die Form der Genitalien und die Menge der Geschlechtshormone im Körper können variieren. Die Biolo­gie des Men­schen ist wed­er genetisch, noch hor­monell oder im äusseren Erschei­n­ungs­bild der Geschlecht­sor­gane auf die bei­den Kat­e­gorien «männlich» und «weib­lich» beschränkt. Sie weist von Geburt an Variationen auf. Die Unterteilung in Mann und Frau greift daher oft zu kurz.

Intergeschlechtlichkeit beze­ich­net ange­borene genetis­che und/​oder anatomis­che und/​oder hor­monelle Geschlechtsmerk­male, die nicht den sozialen und medi­zinis­chen Geschlechter­nor­men von «männlich» oder «weiblich» entsprechen. Intergeschlechtliche Kör­p­er sind gesund. Intergeschlechtlichkeit ist ein Sam­mel­be­griff für viele mögliche Vari­a­tio­nen der Geschlecht­sausprägung. Die Vari­ationen sind nicht immer gle­ich bei der Geburt sicht­bar. Sie kön­nen vor oder nach der Geburt, im Kinde­salter, während der Pubertät, im Erwach­se­nenal­ter oder auch gar nie fest­gestellt werden.

Gemäss UNO beträgt der Anteil intergeschlechtlicher Menschen an der Weltbevölkerung etwa 1.7%. In der Schweiz sind es also gleich viele Personen, wie in den Städten Bern oder Lausanne leben. Ein Grossteil davon bleibt unsichtbar.

Kinder, die mit ein­er Vari­a­tion der Geschlecht­sen­twick­lung geboren wer­den, unterzieht man auch heute noch geschlecht­sverändernden Oper­a­tio­nen und/​oder anderen medizinischen Behand­lun­gen. Ohne ihr Ein­ver­ständ­nis wer­den sie an die binäre Geschlechter­norm​‘angepasst’. Die meisten dieser Eingriffe sind medizinisch nicht notwendig. 

Diese Ver­let­zun­gen der Grund- und Men­schen­rechte, vor allem der physis­chen und psy­chis­chen Integrität, kön­nen schw­er­wiegende Fol­gen haben: Der all­ge­meine Gesund­heit­szu­s­tand, die Sex­u­al­ität, die Psy­che und das Wohlbefind­en der Betrof­fe­nen wird beeinträchtigt.

Heute anerken­nt die Gesellschaft zunehmend, dass diese Ein­griffe ohne Ein­ver­ständ­nis der betrof­fe­nen Kinder und Jugendlichen schädlich sind. Sie können mit Genitalbeschneidungen von Mädchen verglichen werden.

Geschlecht­si­den­tität

Die Geschlechtsidentität ist Teil der menschlichen Identität. Sie bezeichnet die innere Gewissheit über das eigene Geschlecht; unabhängig davon, ob dieses dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht oder den gängigen Geschlechtskategorien entspricht. 

Geschlechtsausdruck ist die äussere Erscheinung einer Person, ihre Darstellung von Geschlecht, zum Beispiel durch Kleidung, Frisur, Make-up, Sprache, Verhalten, Namen oder Pronomen. Der Geschlechtsausdruck einer Person und ihre Geschlechtsidentität können, aber müssen nicht übereinstimmen.

Merk­male, die in ein­er Gesellschaft undif­feren­ziert einem Geschlecht zugeschrieben wer­den, nen­nt man auch Gen­der­stereo­typen. Beispiel: Män­ner sind gross und stark, haben kurze Haare und mögen Autos. Frauen sind fein­füh­lig, haben lange Haare und mögen Kinder. Gen­der­stereo­typen sind stark vere­in­fachend, oft sog­ar wer­tend und falsch. Sie soll­ten in der Erziehung und in der Gesellschaft kri­tisch hin­ter­fragt werden.

Die meisten Menschen fühlen sich dem Geschlecht zugehörig, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Sie werden als Cis-Menschen bezeichnet. Trans Menschen identifizieren sich nicht oder nicht ausschliesslich mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Ein trans Mann ist ein Mann, der bei der Geburt aufgrund äusserer Merkmale für ein Mädchen gehalten wurde. Eine trans Frau ist eine Frau, die bei der Geburt aufgrund äusserer Merkmale für einen Jungen gehalten wurde. Manche Menschen identifizieren sich weder (ausschliesslich) als männlich noch (ausschliesslich) als weiblich. Diese Personen bezeichnen sich mit dem Oberbegriff nicht binär.

Ausländische Studien zeigen, dass etwa 0.53% der Menschen trans sind und davon bis zu 60% nicht binär.

Entspricht das zugeordnete Geschlecht nicht oder nur teilweise der eigenen Geschlechtsidentität, kann das belastend sein. Ein verständnisvolles Umfeld und professionelle Unterstützungsangebote können helfen, einen guten Umgang damit zu finden. Einige trans Menschen entscheiden sich für eine soziale oder medizinische Transition, denn sie möchten entsprechend ihrer Geschlechtsidentität leben und wahrgenommen werden.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die eigene Geschlechtsidentität nach aussen hin zu leben: zum Beispiel durch die Wahl eines passenden Vor­na­mens​oder Pronomens oder durch die Verän­derung des Aussehens (Frisur, Klei­dung, Make-up, Accessoires usw.) und der Gestik. Ausser­dem können das offizielle Geschlecht und der Vor­na­me geändert werden. Auch medi­zinis­che Angleichungsmaß­nah­men sind möglich (Hor­mon­be­hand­lung, Oper­a­tio­nen oder Epilation). Es gibt keine Pflicht für trans Menschen, geschlechtsangleichende Behandlungen durchzuführen, und sie werden auch nicht erst dadurch zu einer (richtigen) Frau oder einem (richtigen) Mann. Jede Per­son kann nur für sich selb­st her­aus­find­en, was sie braucht, um sich mit ihrem Geschlecht und ihrem Kör­p­er wohl zu fühlen. 

Weiterführende Informationen

Unter den folgenden Links erhalten Sie Informationen und Unterstützung:

  • InterAction: Die Schweizer Vereinigung von intergeschlechtlichen Menschen. Einmal im Monat werden Gesprächsgruppen für Menschen mit einer Variation in der Geschlechtsentwicklung zwecks Erfahrungsaustausch und Informationen organisiert.
  • Transgender Network Switzerland (TGNS): Die Schweizer Organisation von und für trans Menschen und ihre Freund*innen. Es werden auch Rechts- und Berufsberatungen angeboten.
  • Checkpoints: Gesundheitszentren für die schwule Community und andere Männer, die Sex mit Männern haben sowie für Transmenschen und ihre Angehörigen.
  • Du-bist-du.ch: Beratungs- und Infoplattform für junge Menschen und Fachpersonen zu Themen der sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt.
  • Milchjugend: Jugendorganisation für lesbische, schwule, bi, trans, inter und asexuelle Jugendliche und für alle dazwischen und ausserhalb.
  • Nonbinary.ch: Informationen zu non-binärem Geschlecht.
  • Romanescos: Treffen für genderqueere Menschen in Zürich.
  • Trans-Inter-Stammtisch: Monatliches Treffen in Bern für Personen, die sich selbst als trans und/oder inter bezeichnen, sowie für ihre Angehörigen und Freund*innen.